BOTSCHAFT ZUM MUHARRAM MONAT, ASCHURA UND KERBELA

Als islamische Gemeinde gedenken wir jedes Mal beim Begehen eines neuen Jahrs der Hidschra an die Auswanderung unseres Propheten von Mekka nach Medina mit all ihren Eigenschaften und  in all ihrer Form voller Freude. Aber diese Freude schlug 61 Jahre nach der Auswanderung am zehnten Tag im Monat Muharram, an einem Aschura-Tag, in Trauer um. Da der Heilige Hussain, der Enkel unseres Propheten, und mindestens 70 unschuldige Menschen, darunter vor allem Angehörige der Ahl al-bait (Familienangehörige des Propheten) in Kerbela einer politischen Begierde zum Opfer fielen und Märtyrer wurden.
 
Der Heilige Hussain und seine Gefährten eroberten mit ihrer edlen Haltung und ihrem stolzen Kampf angesichts dieser Ungerechtigkeit die Herzen aller Gläubigen. Über diejenigen, die das über sie ergehende Leid als angemessen betrachteten, richtete das kollektive Gewissen der Menschheit. Kerbela, das nach der Zeit des Propheten die islamische Welt tief prägte, darf  nicht den Ursprung von Differenzen und Streitigkeiten für die Muslimen liefern. Der Vorfall von Kerbela ist kein Maß der konfessionellen Unterschiede, die eigentlich etwas Positives sind. Weder stellen die Märtyrer in Kerbela einzig und allein die Schiiten dar, noch kann das Vorgehen der Peiniger der Kerbela-Tragödie den Sunniten zugeschrieben werden. Weder beim Peiniger  noch beim Opfer wird auf die Konfession und Lebensart geschaut. Angesichts der Tragödie in Kerbela zeigen die Sunniten und Schiiten die selbe Sensibilität. Mit Differenzen zu dieser Tragödie in der islamischen Geographie und Konflikten werden politische Machenschaften um der islamischen Brüderlichkeit und Einheit einen Schaden zuzufügen nur begünstigt. Mit Bedauern muss ich festhalten, dass in der Gegenwart Extremisten auf beiden Seiten Werkzeuge solcher politischer Machenschaften sind. In mehreren islamischen Teilen der Welt, allen voran im Irak und in Syrien, wird in diesem Sinne Blut vergossen. Unsere gegenwärtige Aufgabe als Muslime muss es sein, die Einheit und Brüderlichkeit der weltweiten Gemeinschaft der Muslime, ungeachtet konfessioneller Unterschiede, zu verteidigen.
 
Das was heute gewährleistet werden muss, ist, für das Verständnis des Heiligen Hussain zu sorgen. Es muss hinterfragt werden, wie diejenigen, die mit trügerischen und böswilligen Absichten über den Heiligen Hussain richteten, ihn in der Wüste verdursten ließen und töteten sich als Muslime sehen können. Der Weg den Heiligen Hussain heute erneut zu verstehen, führt an einer Auslese der Saat des Hasses und Rachegefühls vorbei. Außerdem muss er in einer Anschauung als Werk der Einheit und Gemeinschaft von neuem studiert werden. Zweifelsohne ist bei Einheit und Gemeinschaft auch von Recht und Wahrheit, der Entzogenen, der Opfer und Schwachen die Rede. Der Weg der Anhänger Hussains steht fest.
 
Mit diesen Gefühlen gedenke ich vor allem an den Heiligen Hussain und an die Märtyrer von Kerbela sowie an alle anderen in Gnade, Ehre und Sehnsucht. Ich grüße den Familienangehörigen des Propheten Mustafa und ihre Erinnerungen mit dem Heiligen Zain al-Abidin. Ich bitte Allah um ein Leben in Frieden, Ruhe, Sicherheit und Respekt für unsere Nation, die seit Jahrhunderten an ihrer Liebe zum Heiligen Propheten und zu seinen Familienangehörigen festhält. Möge uns Allah zu Erbfolgern machen, die den Zielen des Heiligen Hussain gerecht werden! Mögen wir mit den Opfern und nicht mit den Peinigern erwähnt werden und an der Seite der Opfer und nicht der Peiniger stehen.
 
Prof. Dr. Mehmet GÖRMEZ
Vorsitzender des Amtes für Religionsangelegenheiten